Schollbrunn 2020

Anfang August hatte uns Tini die Sonnenwirtin mitgeteilt, dass bis auf weiteres keine Wochenendveranstaltungen im Gasthaus "Zur Sonne" stattfinden könnten.
Da diese Absage nicht sehr überraschend kam, stand schnell ein Alternativvorschlag zur Diskussion: Statt des üblichen Trainingslagers ein Tagesausflug am 12. September zu den traditionellen Stationen. Und da wir den ganzen Tag über stahlnüchterne Autofahrer verfügen würden, sollten sogar zusätzliche Stationen in den Tourplan aufgenommen werden.

Mit 11 Teilnehmern waren wir fast doppelt so viele wie ein Jahr zuvor.
Selbstverständlich hatten wir alles dabei, um jede sich bietende Schachgelegenheit nutzen zu können.
Wie zuletzt Ende der 80iger Jahre war die Burg Breuberg Zwischenstation auf dem Weg nach Schollbrunn. Punkt 11 Uhr, wie vom bestens gelaunten Schollbrunnbeauftragten Uli berechnet, liefen wir in den Burghof ein. Nicht nur Ulis Laune erhielt jedoch gleich einen kleinen Dämpfer, denn der schnaufend hin und her schleppende Wirt hatte wegen Personalausfalls und einer herannahenden Hochzeitsgesellschaft den Bedienungsbeginn eigenmächtig auf 11:30 Uhr verlegt. Der Kompromissversuch "Uns reicht ein Kasten Bier, wir bedienen uns selbst!" wurde ohne Angabe von Gründen abgelehnt.
Es half nichts, wir mussten die erste halbe Stunde trocken spielen, bis dann die ersten alkoholhaltigen und alkoholfreien Weizenbiere anlandeten.

Die Mannschaften:

Sonne

 

Kartause

 

Daniel

1953

Matthias

1899

Markus

1905

Uli

1879

Jan

1806

Richard

1604

Thomas

1547

Samuel

1579

Stefan

1379

Karl

1283

 

 

Ian

1069

Bevor es losging, war aber noch eine Frage zu klären: wo blieb Jan? Karl nahm telefonisch Kontakt zu seinem aus Stuttgart anreisenden Papa auf, der nichtsahnend Richtung Schollbrunnn unterwegs war. Wie sich herausstellte, hatte ihn der SB-Beauftragte in seiner letzten Mail nicht im Verteiler gehabt. Jan trug es mit Fassung und sorgte dann eben für etwas verfrühten Umsatz in der "Sonne".

Das Aufwärmturnier (je 2 Mannschaften von Sonne und Kartause, alternierende Partien und eine an die geplante Abfahrt angepasste Bedenkzeit von 7min/3sec) lief gut für die Kartause:
1. Kartause 1 (Matthias/Uli) 6:0, 2. Sonne 1 (Daniel/Markus) 4:2, 3. Kartause 2 (Richard/Samuel/Karl) 2:4, 4. Sonne 2 (Ian/Thomas/Stefan) 0:6.

Mit einer satten Verspätung machten wir uns auf nach Schollbrunn.

Burg Breuberg

 

 

Bei wunderbarem Wetter erreichten wir erst nach halb zwei Uhr die "Sonne", waren damit aber endlich vollzählig. Die Stimmung war wie immer prächtig. Essen, trinken, schwätzen und wenn es sein muss Schach spielen - perfekt.
Man war sich einig: die Riesenkoteletts gehen auch mittags! Dass ein paar der Kotelettkandidaten nur 2 Stunden vorher noch schnell ihre riesigen Wurstplatten im Burghof weggeputzt hatten ("zum Frühstück"), zeigt zu welchen unglaublichen Leistungen hochmotivierte Menschen fähig sind.

Daniel drängte auf den nächsten Tagesordnungspunkt (Schach in der Kartause). Und so verließen wir die "Sonne" in diesem Jahr nach einer recht kurzen Stippvisite - nicht jedoch ohne vorher das erste Septemberwochenende 2021 zu buchen!

Gasthaus "Zur Sonne"

 

 

Um den Tag nicht zu starr zu verplanen bzw. etwas Puffer für den zu erwartenden Schlendrian einzubauen, war zwischen 15 und 17 Uhr von der Tourleitung nichts reserviert worden. Dieser Taktik fiel, zum wiederholten Male, der Aufenthalt in der sehr stark frequentierten Kartause Grünau zum Opfer.
Im Innenraum waren zwar noch Plätze frei, aber bei diesem Wetter war klar: nächster Versuch in der Nickelsmühle.
Es ist schon saumäßig bequem, sich einfach ins Auto zu setzen und die 3-4 km zu fahren. Wie haben wir uns vor ein paar Jahren, von der Kartause abgewiesen, enttäuscht zu Fuß dorthin gequält.

In der Nickelsmühle prangten zwar abweisende "Reserviert"-Schilder auf den Tischen, aber die Aussicht auf ein, zwei schnelle Runden überzeugte die Wirtin.
Schachlich ging es mit Chess960-Tandem weiter. Die Mannschaftsbindung war aufgelöst. Es sah jetzt doch verdächtig nach einer reinen Spaßveranstaltung aus.
Nachdem Uli auch den letzten Schollbrunngutschein (vom Schatzmeister als Vereinsturnierpreise herausgegebene, nur in Schollbrunn einlösbare Zertifikate) auf den Kopf gehauen hatte, wurde es höchste Zeit für den erneuten Aufbruch. Der mörderische Aufstieg zur 521m hohen Geißhöhe wartete auf uns.

Nickelsmühle

 

300 Höhenmeter am Stück - so etwas hatte es im Trainingslager noch nie gegeben! Vom Parkplatz in Wintersbach führte ein etwas mehr als 3 km langer Weg zu unserem letzten Ziel, dem Gasthof "Zur Geißhöhe".
Zu Beginn der Tortur sollte ein kurzes Gartenschach-Intermezzo mit Turnierfiguren (die richtigen Klötzchen standen sinnigerweise auf dem Bauhof) die ängstliche Anspannung etwas mildern. Die Partie wurde aber schon nach wenigen Zügen beendet, um die Restkräfte der Spieler zu schonen.

Anfangs führte die Straße mäßig steil bergauf, bis in einer Kurve der Wanderweg in den Wald abging. Es folgten Steilhänge, Stufen, Stolperfallen - alles was das Herz des Zerstreuung suchenden Schächers begehrt, jedenfalls wenn es nach ein paar hundert Meter vorbei ist. War es aber nicht.
Meise, sonst einer der forsch Voranstürmenden, musste sogar zu Ganzkörperdehnungsübungen Zuflucht nehmen, um die Strapazen einigermaßen abzufedern. Auch seine mehrfach geäußerten Bedenken, dass man diesen Weg unmöglich im Dunkeln zurückgehen könne, klangen eher defensiv.
Auf dem letzten Abschnitt musste der Tour Guide alle hundert Meter die Reststrecke durchgeben, um die Hoffnung der Verzagenden am Glimmen zu halten.

Oben angekommen war aber wieder alles gut. Schön, der eine freie Tisch ließ keine 1,5 Meter Abstand zwischen uns zu, aber wer es bis hier hoch geschafft hatte, konnte ja unmöglich Corona-infiziert sein. Das Abendessen schmeckte nach der Anstrengung, die Monsterkoteletts waren schon wieder Geschichte.
Aber Daniel reichten unsere, alle Bereiche des Lebens vollständig abdeckenden Gespräche nicht - er drängelte schon wieder auf Schach.
Dann eben die ultimative Herausforderung: Alternierendes Tandem, Sonne - Kartause, 5 gegen 6 an einem Biertisch.
Die Sonne machte der Kartause das Leben schwer. Partie 1: Samuel übersieht ein einzügiges Matt. Partie 2: Uli übersieht ein einzügiges Matt.
Die letzte Partie hatte die Kartause einseitig zum 3-Punkte-Spiel erklärt, stand aber schon wieder jenseits von Gut und Böse. In höchster Not drohte Sami ein Matt, der Sonnenspieler ignorierte die Drohung und Uli machte den Siegtreffer. Gejohle und Gejaule und Aufbruch in die Dunkelheit ...

Geißhöhe

Nach dem Verlassen der Gaststätte dauerte es nur Momente, bis die Entscheidung pro Straße gefallen war. Dieser Weg war zwar einen Kilometer länger, bot aber Chancen für alle 11, sich unversehrt bis zu den Autos durchzuschlagen.
Der unersättliche Daniel hatte immer noch nicht genug und forderte Uli im Blindschach, was sich immerhin als ideale, geistige Beschäftigung für technisch einfaches Gehen im stockfinsteren Wald erwies - man kann sich hervorragend konzentrieren. Wenn man es noch kann. Zumindest in den beiden ersten Partien machte sich der Unterschied zwischen echtem und alkoholfreiem Weizen für Daniel mit Figureneinstellern unangenehm bemerkbar. Dadurch anscheinend ziemlich ernüchtert, lieferte er in der letzten Partie einen harten Kampf, der schließlich in einer Zugwiederholung endete.

Gegen 22 Uhr traten wir die Heimreise an. Es war ein sehr schöner Ausflug - ohne Leerlauf, von Leuten, die wissen, wie so etwas funktioniert.(UB)